Taub oder schwerhörig in einem mehrsprachigen Land: Willkommen in Luxemburg
Jackie Winandy, Gründerin der Vereinigung Daaflux, gibt Einblick in den Alltag von gehörlosen und schwerhörigen Menschen im Großherzogtum. Was sind die größten Hindernisse? Und gibt es Fortschritte bei der Berücksichtigung ihrer Beeinträchtigung?
Donnerstag, 26. Februar 2026
"Sie erfüllen die Anforderungen in den drei Verwaltungssprachen. Sehr gute Englischkenntnisse sind von Vorteil." Solche Formulierungen sind in luxemburgischen Stellenanzeigen allgegenwärtig. Anforderungen, die für viele kaum zu bewältigen scheinen. Für betroffene Menschen in Luxemburg ist der Weg jedoch noch deutlich schwieriger.
Sie bedauern, dass Mehrsprachigkeit selbst in der öffentlichen Verwaltung nicht konsequent umgesetzt wird?
In den Nachbarländern gibt es in der Regel eine dominante Verwaltungssprache. Das schafft mehr Klarheit und erleichtert vieles im Alltag. In Luxemburg kommen zu bestehenden Kommunikationsbarrieren zusätzliche sprachliche Hürden hinzu.
Offizielle Informationen, die ausschließlich auf Französisch oder Englisch verfügbar sind, stellen ein erhebliches Hindernis dar – insbesondere im Kontakt mit Behörden, im Gesundheitswesen und bei digitalen Angeboten.
Wie lässt sich die vorherrschende Stellung der deutschen Sprache innerhalb der Gemeinschaft erklären?
In Luxemburg gibt es nur eine Schule für gehörlose Kinder. Dort lernen viele zuerst Deutsch. Deshalb spielt die deutsche Schriftsprache im Alltag eine große Rolle.
Für die Kommunikation ist jedoch die Deutsche Gebärdensprache zentral. Gehörlose Menschen brauchen Gebärdensprache, um Inhalte vollständig zu verstehen und sich präzise auszudrücken. Lippenlesen funktioniert nur eingeschränkt und hängt stark von der Situation, der Aussprache und den Lichtverhältnissen ab. Viele Gehörlose verstehen lange oder komplexe Texte in deutscher Schriftsprache nur schwer, da Deutsch für sie oft eine Zweitsprache ist.
Technische Hilfsmittel und kurze schriftliche Notizen unterstützen die Verständigung, sie ersetzen die Gebärdensprache nicht. Auch Menschen mit Cochlea-Implantat nutzen häufig visuelle Unterstützung oder Gebärdensprache und brauchen gute akustische Bedingungen sowie eine deutliche Aussprache.
Französisch sowie Englisch oder andere Sprachen in der Schule fallen vielen hörgeschädigten oder gehörlosen Kindern schwer, wenn sie diese Sprachen zu Hause nicht nutzen.
Es gab nicht immer eine spezialisierte Schule in Luxemburg – früher musste man auf Einrichtungen im Ausland ausweichen...
Viele gehörlose Kinder wurden nach Deutschland geschickt, insbesondere nach Bad Camberg in Hessen, wo sie spezielle Schulen für gehörlose Kinder besuchten. Auch deshalb ist Deutsch bis heute die zentrale Bildungs- und Alltagssprache der Gemeinschaft gehörloser Menschen in Luxemburg.
Heute betreut das Centre de logopédie in Strassen mehr als 300 Schülerinnen und Schüler im spezialisierten Unterricht, darunter rund 40 mit einer Hörbeeinträchtigung. [Anm. d. Red.: Spezialisierte ambulante Maßnahmen ermöglichen eine Förderung direkt im normalen Unterricht, ohne die Schülerinnen und Schüler aus ihrem gewohnten schulischen Umfeld herauszunehmen.] Dies stellt für viele hörgeschädigte Kinder und Kinder mit Cochlea-Implantat eine wichtige Unterstützung dar. Allerdings ist diese Begleitung nicht über die gesamte Unterrichtsdauer hinweg gewährleistet.
Diese Schülerinnen und Schüler lernen in der Regel Luxemburgisch, Deutsch und Französisch. Der Erwerb weiterer Fremdsprachen stellt sie jedoch vor große Herausforderungen. Französisch wird in der Grundschule unterrichtet, Englisch später im Sekundarbereich. Sind die Eltern selbst gehörlos, gestaltet sich der Zugang zu Fremdsprachen häufig noch schwieriger. Infolgedessen versteht nur eine Minderheit der schwerhörigen Menschen – mit unterschiedlichem Grad an Beherrschung – auch Luxemburgisch. Englisch spielt im Alltag lediglich eine untergeordnete Rolle.
Die Deutsche Gebärdensprache wurde 2018 in Luxemburg offiziell anerkannt. Was hat das konkret verändert?
Für viele gehörlose Menschen ist sie die Sprache, die sie am besten verstehen – selbst wenn Deutsch für einige von ihnen als Fremdsprache gilt.
Derzeit stehen in ganz Luxemburg lediglich drei Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache zur Verfügung – ein deutlich unzureichendes Angebot. Viele gehörlose Menschen orientieren sich daher nach Deutschland, wo sie ein breites kulturelles Angebot in Gebärdensprache und deutscher Sprache vorfinden. Auch Bildung in deutscher Sprache und Gebärdensprache ist dort leichter zugänglich, ebenso wie medizinische Konsultationen oder Krankenhausaufenthalte: So lassen sich Menschen mit Cochlea-Implantat häufig in Deutschland operieren und behandeln. Dort gibt es spezialisierte Zentren mit großer Erfahrung sowie entsprechend ausgebildete Ärztinnen und Ärzte, Logopädinnen und Logopäden und Technikerinnen und Techniker.
Was sind die größten Hürden beim Zugang zu Online-Informationen?
Auf Webseiten und in Apps des öffentlichen Dienstes gibt es zahlreiche digitale Barrieren: Videos ohne Untertitel, fehlende Transkriptionen, einsprachige Inhalte sowie ein nur begrenztes Angebot in Gebärdensprache und in Leichter Sprache. Zudem gibt es kaum Alternativen zur telefonischen Kontaktaufnahme, etwa Live-Chats, E-Mail-Kommunikation oder Videokommunikation mit Unterstützung in Deutscher Gebärdensprache. [Anm. d. Red.: Für Webseiten und Apps des öffentlichen Dienstes sind Untertitel und Transkriptionen gesetzlich vorgeschrieben; zudem wird empfohlen, Informationen auch auf Deutsch oder in Leichter Sprache bereitzustellen.]
Dennoch sind Fortschritte erkennbar: mehr Untertitel – wenn auch nicht immer fehlerfrei – sowie mehr Inhalte in deutscher Sprache. Im privaten Sektor wird Barrierefreiheit von kleinen und mittleren Unternehmen bislang kaum berücksichtigt. Größere Unternehmen setzen entsprechende Maßnahmen zumindest teilweise um.
